Um 9 los, um halb sechs daheim – und dazwischen 230 Kilometer Alpen
The Silent and the Smoker – zwei Maschinen, eine Leidenschaft, die höchsten Pässe der Alpen. 🔔 Abonnieren lohnt sich!
Der Plan war schön. Um 8 Uhr los, die Mopedmarathon-Runde als Generalprobe, entspannt wieder daheim. Wer mich kennt, weiß wie das ausgeht.
Kameras checken. Luftdruck. Tanken. Zurück. Zweitaktöl nachfüllen. Wieder zurück. Sonnencreme vergessen. Nochmal zurück. Um 9 Uhr stehe ich endlich auf der Straße. Passt. Wenigstens die Bergi war schon die ganze Zeit bereit. Sie wartet immer. Sie klagt nie. Sie hat einfach Charakter.


Timmelsjoch – und endlich die zweite Saisonskarte
Das Timmelsjoch kennt mich. Ich kenne das Timmelsjoch. Ich kenne die Eigentümerfamilie. Und genau deshalb hat es mich mehrere Saisons Überwindung gekostet, endlich an der Mautstelle die Saisonskarte zu kaufen. Ich will kein Schnorrer sein. Wir bekommen sowieso immer alles was wir haben wollen – und das weiß ich zu schätzen. Also: Saisonskarte gekauft. Kennzeichenbezogen, wie sich herausstellt. Hätte man wissen können, wenn man die Mautkarte gelesen hätte. Man lernt dazu. Es geht weiter.
Vorgeschichte: Gestern hab ich mit Richard Leitgeb das nächste TSatS-Projekt besprochen. (TSatS = The Silent and the Smoker – 50cc Zündapp gegen VW ID. Buzz, die höchsten Pässe der Alpen.) Mitte Juni, Stilfserjoch. Er ist dort auf Skitraining mit seinen Schülern – und die Idee ist, dass ich mit der Bergi raufkomme. Das Problem dabei: Wie bringt man Ski auf ein 50cc Moped? Ich hab ihm gesagt, ich überleg mir was. Irgendwas wird mir schon einfallen.
Dazu kommt: Das Stilfserjoch und ich haben noch eine offene Rechnung. Drei Mal probiert. Drei Mal nicht geschafft. Die Gründe waren immer unterschiedlich – aber das Ergebnis war jedes Mal dasselbe. Kein Gipfel. Die Bergi ist jetzt besser serviciert als je zuvor. Es gibt einen neuen Anlauf. Und diesmal wird abgerechnet.
Das Leben hat sich das offenbar auch gedacht. Und es war schneller als ich.
An der Kehre 9 – heute, am Timmelsjoch – steht ein Motorrad. Mit einer selbstgebauten Skihalterung. Jemand hat sich vor mir schon das Hirn zermartert, eine Lösung gefunden, sie gebaut und montiert. Ich stutze. Fotografiere. Staune. Das Leben hat mir in Rekordzeit jemanden geschickt, der die Arbeit schon erledigt hat. Wie geil kann das Leben sein? Life loves me!







Meran, Apfelfelder und die Sonnencreme die es diesmal ernst genommen hat
Runter nach Italien. Das Timmelsjoch spuckt dich auf der Südseite aus und auf einmal ist alles anders. Wärmer. Weicher. Die Straße breiter. Meran empfängt mich mit Apfelfeldern so weit das Auge reicht, Sonnenschein und diesem Gefühl das man nur auf dem Moped kennt – dass der Tag genau so läuft wie er soll.
Ich fahr durch, schau links, schau rechts. Kein Stress. Irgendwann passiert das auf langen Touren – man hört auf zu hetzen. Man ist einfach da. Die Bergi knattern, die Sonne scheint, die Welt ist in Ordnung.
In Bozen creme ich mich nochmal ein. Ich weiß, ich weiß – man macht das vorher. Aber besser spät als verbrannt. Und es hat diesmal wirklich funktioniert. Also: Sonnencreme wirkt auch nachträglich. Das ist mein Beitrag zur Wissenschaft für heute.
Bozen, exakt 12 Uhr Mittag. Ich biege um eine Ecke und stehe mitten im Stadtfest. Grillhendl dreht sich langsam über der Glut. Blasmusik. Biergartenatmosphäre. Ich halte kurz an, schnuppere, überlege wirklich ernsthaft. Eine Mittagspause hier wäre nicht das Schlechteste. Aber ich hab kein Gefühl dafür wie viel Zeit mir noch bleibt und wieviel Strecke noch vor mir liegt. Also: Hendl, es tut mir leid. Das Penserjoch wartet nicht.




Das Sarntal. Kein Anfang, kein Ende, viel Gegenwind.
Das Sarntal wirkt auf mich irgendwie komisch. Ich kann es nicht anders sagen. Gegenwind. Tunnel am Anfang die kein Ende nehmen. Und dann fährt man und fährt und fährt. Von Bozen bis zum Penserjoch: effektiv 90 Minuten. Die Strecke hat keinen Rhythmus – sie ist einfach da und fordert Geduld.
Oben am Penserjoch wartet dann Patschen Karl-Heinz aus Deutschland. Sandalen, Socken, Bauchtasche – und eine Meinung zu allem. Besonders zu Dingen von denen er keine Ahnung hat.
Er läuft mir ständig durchs Bild. Wedelt mit den Armen. Kommentiert lautstark was andere machen. Dann – der absolute Höhepunkt – unterstellt er mir Tuning. Weil es sonst ja nicht möglich sei, dass ein 50cc Moped auf einen Pass fährt. Für dich nicht, Karl-Heinz. Für mich schon. Schon sehr wohl.
Ich hab ihm dann in aller Ruhe und mit dem nötigen Nachdruck erklärt, dass er sich jetzt bitte schleichen soll. Sofort. Ohne Umweg. Ich opfere für solche Leute keine einzige Sekunde meiner kostbaren Lebenszeit. BMW einsteigen. Heimfahren. Fertig. Auf Wiedersehen, Karl-Heinz. Oder besser: nie wieder sehen.






Sterzing. Käsesemmel, Espresso und der gespaltene Felsen.
Runter nach Sterzing. Der gespaltene Felsen grüßt wie immer – einer der coolsten natürlichen Wegweiser auf dieser Strecke, finde ich. In Sterzing schau ich in den Tank. Knapp halb voll. Könnte bis Moos im Passeier reichen. Aber Sonntag, Tankautomaten, kein Bock auf das Risiko.
Neben dem Eurospar gibt es eine bemannte Tankstelle mit Bäcker, Kaffee und Benzin. Alles was ein Mensch auf einer langen Runde braucht. Ich stell die Bergi ab, streck die Beine, schau mich um. Sterzing ist an einem Sonntagnachmittag angenehm ruhig.
Dann die Käsesemmel. Ich weiß was ihr denkt. Weißes Mehl, verarbeiteter Käse, Tankstellenbäcker. Ich weiß es selbst. Aber nach ein paar Stunden im Sattel schmeckt eine Käsesemmel an einer Südtiroler Tankstelle wie ein Fünf-Gänge-Menü. Das ist Physik. Oder Hunger. Wahrscheinlich beides. Dazu einen Espresso – kurz, schwarz, heiß – und ein Cola Zero fürs Gewissen. Kein Zucker. Aber trotzdem irgendwie böse – ich weiß es nur noch nicht genau warum. 3,64 Liter rein für EUR 8,-. Tank voll. Pause vorbei. Weiter.




Der Jaufenpass. Vollgas, zweiter Gang, Lieblingspass.
Der Jaufenpass ist mittlerweile zu meinem neuen Lieblingspass geworden. Das will was heißen wenn man in Obergurgl wohnt und das Timmelsjoch quasi vor der Haustür steht. Aber der Jaufenpass hat etwas das ich schwer in Worte fassen kann. Eine Direktheit. Eine Konsequenz. Er lässt dich nicht schummeln. Entweder du bist bereit – oder du merkst es spätestens in der zweiten Kehre.
Oben kurz anhalten. Passfoto. Durchatmen. Dann gleich weiter – runter nach St. Leonhard, Beweisfoto am Kreisverkehr. Von der Timmelsjoch-Mautstelle bis hier: 5 Stunden 23 Minuten. Mit Bozen, Penserjoch, Sterzing und Jaufenpass dazwischen. Ich sag mal: ganz brauchbar.





Nochmal rauf. Kaffee mit Basilius.
Letzter Aufstieg für heute. Das Timmelsjoch als Grande Finale – so soll ein Tag enden. Rauf zum Rasthaus, zum Basilius auf einen Kaffee. Geht tip top, wie immer. Der Basilius macht den besten Kaffee auf 2.474 Metern Seehöhe – das ist keine Meinung, das ist eine Tatsache.
An der Mautstelle zurück drücke ich dem Daniel meine neue Saisonskarte in die Hand – die kennzeichenbezogene, die ich heute endlich gekauft habe. Er freut sich sehr. All good.
Das Wetter beginnt umzuschlagen. Ich merk es an der Luft, noch bevor ich die Wolken sehe. Die Bergi spürt es auch – ich schwöre, sie fährt in den letzten Kilometern ein bisschen schneller nach Hause. Zeit nach Hause.






Heimkommen. Katze füttern. Sölden.
Daheim. Helm ab. Jacke aus. Tür auf. Und ja – das mysteriöse Humpeln. Solange niemand zuschaut natürlich. Offiziell war alles bestens. Als Erstes: Katze füttern. Das ist keine Frage des Wollens – das ist eine Frage des Überlebens. Der Blick den ich geerntet habe war so eindeutig, dass ich nicht mal kurz aufs Klo durfte. Erst das Fressen, dann das Vergnügen. Haustierbesitzer wissen was ich meine.




Dann schnell nach Sölden zur BP – die Bergi nachtanken. Nicht weil ich muss, sondern wegen der Daten. Für den Energievergleich zwischen Bergi und Buzz rechnen wir mit Ionity EUR 0,39/kWh – das ist der günstigste Preis den man an öffentlichen Ladestationen in Österreich bekommt. Damit lässt sich sauber gegenüberstellen was die zwei Maschinen wirklich kosten. Das Projekt The Silent and the Smoker verdient echte Zahlen, keine Schätzungen.
Und dann: Video schneiden. Bilder auswerten. Social Media bespielen. Das gehört zum Leben eines 50cc-Influenzers dazu. Hätte ich mir selbst nie gedacht, dass ich mich jemals so bezeichne. Ich bin Mopedfahrer. Ich bin Abenteurer. Ich bin der Typ der um 9 Uhr losfährt obwohl er um 8 wollte. Aber Influencer? Na ja. Da sind wir jetzt. Und ich bereue keine Sekunde davon.
Zahlen, Daten, Fakten – weil Nerden erlaubt ist


Die Runde
Obergurgl – Timmelsjoch – Meran – Bozen – Sarntal – Penserjoch – Sterzing – Jaufenpass – St. Leonhard – Timmelsjoch – Obergurgl
Zwei Maschinen – ein Vergleich
Der Buzz stand heute in Obergurgl. Er ist nicht mitgefahren – das ist das Konzept. Die schwächste und die stärkste Maschine die ich je hatte. Aber die Tankdaten erzählen trotzdem eine Geschichte.
| 🏍️ Zündapp Bergsteiger | ⚡ VW ID. Buzz GTX | |
|---|---|---|
| Antrieb | Benzin + 2T-Öl | Batterie-elektrisch |
| Leistung | ~3 PS | 340 PS |
| Gewicht | ~65 kg | ~2.800 kg |
| Verbrauch/100 km | 2,65 Liter * | 24 kWh |
| Kraftstoff gesamt (230 km) | 5,94 L Benzin | 55,2 kWh |
| Rekuperation (Bergab) 🤓 | — | ca. -8 bis -14 kWh zurück |
| Netto-Verbrauch (230 km) 🤓 | — | ~47-48 kWh (~20-21 kWh/100km) |
| 2-Takt-Öl (Nerddetail 🤓) | + 0,15 L (150 ml, ab Lager) | – |
| Tankstopps | Sterzing 3,64 L / EUR 8,00 Sölden 2,30 L / EUR 4,53 |
– |
| Energiekosten (230 km) | EUR 12,53 | EUR 21,53 |
| Preis pro 100 km | EUR 5,45 | EUR 9,36 |
| Ladepreis (Ionity) | – | EUR 0,39/kWh |
| CO₂ direkt (Auspuff) | ~8,6 kg | 0 kg (kein Auspuff) |
| CO₂ Stromerzeugung AT-Mix ** | — | ~7,2 kg |
| CO₂ gesamt | ~14,3 kg | ~7,2 kg |
* Gesamtverbrauch inkl. 2T-Öl: 3,64 L (Sterzing) + 2,30 L (Sölden) + 0,15 L 2T-Öl = 6,09 L auf 230 km. Zum Vergleich: VW Golf 1.5 TSI ~5,5 l/100km bei 1.345 kg Leergewicht – die Bergi verbraucht mehr, wiegt aber nur ~65 kg. Zweitaktmotoren sind thermodynamisch ineffizienter als moderne Viertakter – der Preis für 50 Jahre alte Technik.
1 Liter Benzin entspricht ca. 8,8 kWh Heizwert – der Verbrennungsmotor nutzt davon ~25-30%.
** Österreichischer Strommix 2024: ca. 130 g CO₂/kWh (Quelle: E-Control). Buzz-Verbrauch 24 kWh/100km = Manuels eigener Messwert (Brutto). Auf Alpenrunden mit viel Gefälle gewinnt die Rekuperation 15-25% zurück — Netto-Verbrauch realistisch ~20-21 kWh/100km. Wer zu Hause mit Ökostrom lädt: praktisch 0.
Buzz-Kosten auf Basis Ionity EUR 0,39/kWh – günstigster öffentlicher Ladepreis in Österreich. Zu Hause laden: EUR 0,20-0,35/kWh – das verschiebt die Rechnung nochmals deutlich.
🤓 Verbrauch pro Kilo — weil’s niemand fragt aber jeder wissen will
| Kennzahl | 🏍️ Bergi | ⚡ Buzz |
|---|---|---|
| Fahrzeug leer | 65 kg | 2.805 kg |
| Fahrer + Equipment 🤓 | 87 kg | 87 kg |
| Gesamtgewicht | 152 kg | 2.892 kg |
| Gewichtsverhältnis | Buzz ist 19x schwerer | |
| Verbrauch | 2,65 L/100km | ~25 kWh/100km |
| Verbrauch pro 100 kg / 100 km | 1,74 L | 0,86 kWh (≈ 0,36 L Benzin-Äqu. 🤓) |
🤓 Fahrer Manuel Ribis: 82 kg + 5 kg Kleidung & Equipment = 87 kg. Buzz-Verbrauch: Schätzung ~25 kWh/100km für alpine Bergstrecke mit dem ID. Buzz GTX LWB. Wer Äpfel mit Birnen vergleichen will: 1 Liter Benzin hat 8,8 kWh Heizwert, der Zweitakter nutzt davon ~27%. Die Bergi braucht pro 100 kg Gesamtgewicht mehr Energie — der Buzz ist hier im Vorteil. Dafür parkt die Bergi in der Küche.
Happy to be safe home
Zurück in Obergurgl. Katze zufrieden. Ich auch.
8 Stunden 40 Minuten, 230 Kilometer, 6.312 Höhenmeter. Das ist – soweit ich mich erinnern kann – meine absolute Bestzeit auf dieser Runde. Alleine geht das. Mit mehreren Leuten? Kaum vorstellbar. Jede Pause dauert länger, jede Entscheidung braucht Abstimmung, jede Tankstelle wird zur Kaffeepause. Das ist nicht schlecht – das ist einfach anders. Aber diese Zeit wirst du mit einer Gruppe nicht fahren.
Ende Juni steht die echte Mopedmarathon-Runde an. Mit vielen anderen. Das wird ein anderer Tag werden – langsamer, lauter, geselliger. Und trotzdem gut. Heute war die Generalprobe. Die Bergi hat bestanden.
Ich freue mich auf das nächste Abenteuer und viele Kilometer gemeinsam mit meiner Bergi.
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