7:19 Uhr. Hohenems. 1017 Verrückte.

Die Bergi springt an. Ich sitze drauf, schaue mich um – und überall dasselbe Bild. Mopeds. Helme. Lederjacken. Leute die um halb acht morgens schon so gut drauf sind als wären sie gerade aus dem Urlaub zurückgekommen. 1017 Teilnehmer. Alle mit der gleichen Krankheit: 2-Takt-Liebe. Heilung? Gibt’s nicht. Und das ist auch gut so.
Der Prolog am Vortag war schön. Warm, entspannt, kein Stress – so ein gemütliches Aufwärmen halt. Heute ist das anders. Heute schaut die Welt a bissl ernster aus. Heute wird gefahren.
Skiunterwäsche? Liegt schön im Hotel.
Es gibt Entscheidungen, die man im Nachhinein sehr bereut. Sehr. Die Skiunterwäsche war so eine. Ich hab sie eingepackt – extra, mit Absicht, weil ich ja weiß wie Vorarlberg im Juni sein kann. Ich hab sie im Koffer gehabt. Und dann hab ich sie im Hotel liegen lassen. Einfach so. Weil: Juni. Weil: Vorarlberg. Weil: wie kalt kann’s denn schon werden.
Sehr kalt. Die Antwort ist: sehr kalt. Erschreckend kalt, wenn man ehrlich ist.
Vom Bödele rauf in den Bregenzerwald – das ist noch schön, grüne Hänge, enge Kurven, Vorarlberg von seiner besten Seite. Aber in Au, noch vor dem Hochtannbergpass, meldet sich die Realität. Die Finger werden steif. Das Gesicht friert. Der Körper fragt höflich nach ob man eigentlich weiß was man tut. Kurzer Halt. Eine Jacke kaufen. Nicht die schönste Jacke der Welt, nicht geplant, nicht budgetiert – aber nötig. Dringend nötig.
Weiter nach Schröcken, rauf auf den Hochtannbergpass, dann der Flexenpass. 1.773 Meter. Europäische Wasserscheide. Offiziell Sommer. Man kann seinen Atem sehen. Im Juni. Mit Jacke die man eine Stunde vorher noch nicht hatte.

Durch die Flexengallerie dann mit dem gebotenen Respekt – rutschig, kühl, dunkel. Danach, mit der Notfall-Jacke, war es einigermaßen erträglich. Einigermaßen.

Der heilige Heinz Rhiner
Es gibt so einen Moment beim Mopedfahren, wo man kurz lacht und denkt: heute läuft alles. Alles passt. Man ist gut dabei, das Wetter wird besser, die Strecke liegt vor einem. Genau dieser Moment ist der gefährlichste Moment des ganzen Tages.
Sten, Patrick, Victor, Raphael und ich sitzen beim Mittagessen in der Fohrenburger Brauerei – die war mit uns heillos überfordert, das muss man dazusagen, aber das Essen war gut – und wir lachen genau über diesen Satz. „Läuft alles super!“ Wir stoßen an. Wir sind zufrieden mit uns. Zwanzig Minuten später: Platten.

Eine Hochzeitsgesellschaft fährt hupend und fröhlich an uns vorbei – herzlichen Glückwunsch, wirklich. Patrick holt das Reifenschaum-Flickzeug raus und gibt sein Bestes. Klappt so halbwegs. Eher weniger als mehr.
Und dann kommt Heinz Rhiner. Der Mann ist sowas wie der MacGyver der Mopedszene – der kann wirklich alles reparieren, mit allem was gerade rumliegt. Er schaut sich das Moped an, schraubt ein bissl rum, denkt nach. Und wenn Heinz dann sagt „nein, das bringt hier jetzt nichts mehr“ – dann glaubt man ihm. Sofort und ohne Diskussion. Das Moped bleibt beim Bauern. Victor steigt bei Raphael auf die Vespa auf und fertig ist die Geschichte. So löst man Probleme.
Das Duell
Irgendwo auf der Strecke hängt sich ein Fahrradfahrer an meinen Auspuff. Kein gewöhnlicher – der Mann weiß was er tut. Er klebt sich dahinter, nutzt den Windschatten, zwanzig Minuten lang. Das ist eine Kampfansage. Das nehme ich an.
Ich geb alles. Die Bergi gibt alles. Was die Bergi auf flachem Gelände und bergab kann, das kann sie wirklich gut.
Dann kommt die Steigung. Und der Kerl tritt einfach rein und ist weg. Weg. Ich schau ihm nach. Die Bergi schaut ihm nach. Keine Chance. Gegen trainierte Muskeln und Schwerkraft gewinnt kein 50ccm-Motor dieser Welt. Respekt, wer auch immer du warst.

Kein Tankstopp. Dafür ein strategischer Kaffee in Lech.
Am Hochtannbergpass wäre die offizielle Labestation gewesen. Aber der Tank hält noch – also warum aufhören. Weiter nach Lech. Und dort dann der strategische Kaffee. Nicht weil man ihn unbedingt braucht. Sondern weil er gut tut. Kurz sitzen, kurz durchatmen, kurz die Hände wärmen und schauen ob der Rest des Körpers noch dabei ist. War die absolut richtige Entscheidung.
Alte Bekannte und neue Gesichter
Der VMR ist halt nicht einfach nur eine Ausfahrt. Du fährst dort hin und siehst Leute die du seit Jahren nicht mehr gesehen hast. Jemand ruft deinen Namen. Jemand winkt von der anderen Straßenseite. Und plötzlich stehst du irgendwo am Straßenrand in Vorarlberg und redest mit Leuten als wärt ihr erst gestern beim Stammtisch gesessen. Das ist es was dieses Event ausmacht.

1017 Leute. Alle mit der gleichen Krankheit. Keiner muss dem anderen erklären warum er da ist. Man weiß es einfach. Das verbindet mehr als man denkt.
Im Ziel: Warm, trocken, Sonnenbrand.
15:15 Uhr. Hohenems. Die Sonne brennt. Wer hätte das morgens noch gedacht – dass der Tag der mit Atemwolken am Flexenpass begonnen hat, mit Sonnenbrand endet. Vorarlberg in einem Tag: Frost, Nebel, Wind, Regen irgendwo dazwischen, und dann Sommer. Alles drin.
Die Bergi? Kein einziges Problem. Kein Husten, kein Stottern, kein schiefer Blick. 190 Kilometer, über 4.000 Höhenmeter – und sie steht da als wäre das ein ganz normaler Dienstag gewesen. Gnadenlos zuverlässig, diese Maschine.

Abends dann die Band. Und der Bassist – ich weiß nicht wie ich das besser beschreiben soll. Der hat nicht einfach Bass gespielt. Der hat mit dem Instrument geredet. So jemand bei der Arbeit zuzuschauen ist ein Geschenk. Das sieht man selten, wirklich selten.

Stimmung insgesamt: gut. Sehr gut sogar. Nicht perfekt – da war noch Luft nach oben, Stichwort Becherpfand, Stichwort Gastro-Organisation. Aber das ist Jammern auf sehr hohem Niveau und das weiß ich auch.
In zwei Jahren sind wir wieder dabei. Das ist kein Plan, das ist ein Versprechen.

Zahlen, Daten, Fakten – weil Nerden erlaubt ist
| Kennzahl | Wert |
|---|---|
| Strecke | 190 km |
| Höhenmeter | > 4.000 Hm |
| Startzeit | 07:19 Uhr |
| Zielzeit | 15:15 Uhr |
| Fahrzeit gesamt | 7h 56 min |
| Mittagspause | 90 min (Fohrenburger Brauerei) |
| Netto-Fahrzeit | ca. 6h 26 min |
| Kraftstoff | 4,13 L / EUR 7,64 |
| Preis pro Liter | EUR 1,85 |
| 2-Takt-Öl 🤓 | 133 ml (aus der Garage) |
| Verbrauch | 2,17 L/100 km |
| Tankstopp | Kein Tankstopp – 1x strategischer Kaffee in Lech |
| Teilnehmer | 1.017 |
Bergi vs. Buzz – pro 100 kg bewegte Masse / 100 km 🤓
| Bergi | Buzz | |
|---|---|---|
| Fahrzeug + Fahrer | ~140 kg (Bergi 55 kg + Manuel 85 kg) | ~2.860 kg |
| Energie/100kg/100km | 13,8 kWh | 0,84 kWh |
| Kosten/100kg/100km | EUR 2,87 | EUR 0,33 |
| CO₂/100kg/100km | 3,59 kg | 0,11 kg |
| 2-Takt-Öl 🤓 | 133 ml | – |
Fazit: Pro bewegtem Kilogramm ist der Buzz 16x effizienter, 8,7x günstiger und 33x sauberer.
* Die 0,11 kg CO₂/100kg/100km beim Buzz kommen nicht aus dem Auspuff – der hat keinen. Sie entstehen bei der Stromerzeugung. Österreichs Strommix lag 2024 bei ca. 127 g CO₂/kWh (E-Control). 0,84 kWh × 0,127 kg = 0,107 kg ≈ 0,11 kg CO₂ pro 100 kg bewegter Masse pro 100 km. Bei Ökostrom: 0 kg. Bei EU-Durchschnittsstrom (~295 g/kWh): ~0,25 kg – immer noch 14x weniger als die Bergi.